Thinking the Unthinkable – 4 Thesen zum Undenkbaren

Public Affairs: 4 Thesen zum Undenkbaren (Reichstag)Die politischen Umbrüche des letzten Jahres schienen selbst erfahrenen politischen Beobachtern kaum vorstellbar: Das Votum der Briten für einen Austritt aus der EU, die Wahl des populistischen Quereinsteigers Donald Trump zum US-Präsidenten sowie der anhaltende Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa. Viele Bürgerinnen und Bürger wenden sich von vermeintlich etablierten politischen Strukturen ab, stemmen sich gegen Normen – und stoßen damit Eliten weltweit vor den Kopf. Der Blick zurück ist für viele Public Affairs Professionals erschreckend, der Blick in die Zukunft von Unsicherheit geprägt.

Angesichts bevorstehender Wahlen in europäischen Nachbarländern und der Bundestagswahl im September fragen sich auch Unternehmen und Verbände, ob und wie sich die veränderten Rahmenbedingungen auf ihre politische Kommunikation auswirken und welchen Herausforderungen sie in Zukunft begegnen werden. Auf diese Fragen Antworten zu finden, war das Thema des Public Affairs Trend Lab Berlin Summit am 16. und 17. Februar 2017 in Berlin.

Unsere Public Affairs-Chefin Judith Kleinemeyer hat dazu „4 Thesen zum Undenkbaren“ aufgestellt:

1. Clash of Cultures. Während Unternehmen und Wertschöpfungsketten immer globalisierter und komplexer werden, streben Politik und Gesellschaft zunehmend nach Nationalismus und Vereinfachung.

Mit zunehmender Globalisierung und Verflechtung werden Unternehmen anfälliger für politische und wirtschaftliche Erschütterungen. Gleichzeitig wird es schwieriger, bei Entscheidungsprozessen potenzielle Risiken zu identifizieren und zu priorisieren. Während die Wirtschaft diesen Prozess als normale Entwicklung hinnimmt, fühlen sich Teile der Bevölkerung zunehmend benachteiligt und scheuen sich auch nicht davor, ihrem Unmut lautstark Luft zu machen. Davon getrieben, versucht nationale Politik zunehmend, simple Lösungen für komplexe Probleme anzubieten. Populismus und Protektionismus sind die Folge.

2. Bottom-Up Movement. Politische Entscheidungsträger und Prozesse sind zunehmend unter Druck durch soziale Medien und Grassroots-Kampagnen.

Das Brexit-Referendum und Trumps Wahl zum US-Präsidenten haben deutlich gezeigt, wie anfällig politische Prozesse heutzutage für Aktionismus und Grassroots-Kampagnen sind. Traditionell sind diese Kampagnen im anglo-amerikanischen Raum wesentlich einflussreicher. Allerdings beobachten wir auch in Deutschland den zunehmenden Einfluss solcher Formate. Dies stellt nicht nur eine Herausforderung für etablierte politische Systeme und Prozesse dar, sondern beraubt Unternehmen auch ihrer Planungssicherheit. Durch die zunehmende Etablierung interessengesteuerter Medienplattformen und die rasante Verbreitung von Inhalten über soziale Medien verlieren traditionelle Medien ihre Deutungshoheit, Fake News werden immer öfter für bare Münze genommen. Die Folge sind Reputationsrisiken von neuer Qualität – für politische Akteure ebenso wie für Unternehmen.

3. Numerous & Invisible. Politische Akteure werden zahlreicher und unsichtbarer.

Online-Plattformen schaffen Möglichkeiten für neue Akteure, „außerhalb“ des etablierten Systems Einfluss auf politische Prozesse zu nehmen. Sie ermöglichen die Organisation und das schnelle Wachstum von neuen sozialen und politischen Bewegungen jenseits klassischer Organisationsstrukturen. Sie sind selten greifbar und auch in ihrer Kommunikation kaum noch auf traditionelle Medien angewiesen. Die Identifizierung politischer Akteure und die strategische Planung werden somit schwieriger.

4. Speak Out! Unternehmen sind gezwungen, sich zu politischen Themen zu positionieren und werden so, auch ungewollt, zu politischen Playern gemacht.

Immer häufiger geben Unternehmen ihre Rolle als neutrale Akteure auf und nehmen eine aktive Rolle im politischen Diskurs ein. Einige tun dies aus eigenem Antrieb, andere werden durch Äußerungen politischer Akteure dazu gedrängt. Egal ob geplant oder unfreiwillig – politisches Engagement kann in Folge schneller Vernetzung und medialer Shitstorms zu einem schwer zu kontrollierenden Reputationsrisiko werden.

Was bedeuten diese Entwicklungen für unsere Public Affairs Arbeit?

Global agierende Unternehmen stehen zunehmender nationaler Abschottung gegenüber. Sie sind heute mehr als nur Bestandteil wirtschaftlicher Geflechte, sie sind politischer Akteur. Ihre Umgebung ist unübersichtlich, Stakeholder-Netzwerke sind zunehmend diffus. Konfrontiert mit diesen Herausforderungen, ist es entscheidend, im Ernstfall mit hoher Agilität reagieren zu können. Der Aufbau eines Netzwerks mit branchenspezifischer Expertise ist außerdem von Vorteil, um sich mit Abläufen und Prozessen vertraut zu machen und spezifische Handlungsstrategien an die jeweilige Herausforderung anpassen zu können.

Es wird deutlich: Politik ist und bleibt „a people‘s business“ und jeder muss seine Protagonisten kennen. Aber heutzutage kann Public Affairs nicht mehr alleine gedacht werden, der Blick über den regulatorischen Tellerrand hinaus ist Pflicht. Die Verzahnung mit den weiteren Disziplinen, etwa Krisenkommunikation, Medienarbeit und Digitales – auch im strategischen Ansatz – ist mehr als nur die Kür. Public Affairs ist bei weitem kein Add-On mehr, sondern Bestandteil einer jeden erfolgreichen Unternehmensstrategie.