Vom Suchen & Finden und einer ganz besonderen Reise

Eigentlich müsste ich doch zufrieden sein? Diese Frage nagte schon seit einer Weile an mir. Sie zu stellen fühlte sich unbequem an, doch irgendwann ließ sie sich nicht mehr wegschieben. Ein toller Job als PR-Beraterin bei einer internationalen Agentur, eine schöne Wohnung nahe der Frankfurter Innenstadt. Die Familie nur einen Katzensprung entfernt, ebenso meine engsten Freunde, die mir aus der Kindergartenzeit geblieben waren. Doch trotzdem fehlte irgendetwas. Zu diesem Zeitpunkt stand ich bereits einige Zeit im Berufsleben. Nach dem Abitur fing ich direkt an Betriebswirtschaftslehre zu studieren und arbeitete zeitgleich in einer kleinen Werbeagentur, mehr als fünf Wochen Urlaub im Jahr waren schon damals nicht drin. Die IHK-Ausbildung zur Marketingfachfrau absolvierte ich ebenfalls, so quasi nebenbei. Für ein Masterstudium fehlte mir nach dem zeitintensiven dualen Studium die Energie, also sah ich mich mit beiden Abschlüssen in der Tasche nach einem Job um. Bloß nicht den Anschluss verlieren. Acht Jahre später fühlte ich mich müde und ausgezehrt, alltägliche Dinge empfand ich als anstrengend. Das Gefühl, in all der Zeit etwas verpasst zu haben, machte sich breit. Als ich ständig krank wurde, wusste ich – ich brauche eine Auszeit.

Als ich mich meinen Eltern anvertraute, reagierte vor allem mein Vater zunächst mit Unverständnis. Warum sich rausziehen, wenn es beruflich gerade so gut läuft? Nicht, dass dich das noch zurückwirft. Klar, ich hatte die letzten Jahre hart gearbeitet. Und auch wenn es sich auf den ersten Blick verlockend anhörte, traute ich mich doch nicht, einfach alles hinzuschmeißen. Den Job kündigen, die Wohnung aufgeben, dazu fehlte mir schlicht und ergreifend der Mut. Es musste einen Mittelweg geben. Von dem Modell des Sabbaticals hatte ich bereits gehört und wusste, dass meine Agentur eine sechswöchige Auszeit für langjährige Mitarbeiter anbot. In den knapp fünf Jahren, in denen ich mittlerweile dort arbeitete, hatte das allerdings gerade mal eine Person in Anspruch genommen. Entsprechend überrascht war man, als ich mich nach der Möglichkeit eines Sabbaticals erkundigte. Nicht sechs Wochen, sondern drei Monate sollten es sein. Dank des Zuspruchs einer engagierten Vorgesetzten bekam ich Ende des Jahres dann trotzdem das Go.

Tschüss, Komfortzone

Auf den Straßen von Hanoi: Ohne Roller geht hier nichts

Auch wenn ich natürlich auf die Zusage meines Arbeitgebers gehofft hatte, war ich überrascht. Vielleicht sogar ein bisschen überfordert. Mitte Januar sollte es immerhin schon losgehen. Was fange ich mit so viel Zeit an? Eine Nachbarin und ehemalige Inhaberin eines Reisebüros für Afrikareisen stellte schnell den Kontakt zu einigen Farmhaus-Besitzern in Südafrika her, auf deren Gut ich hätte aushelfen können. Die Zimmer auf Vordermann bringen, im Service unterstützen, dem Küchenpersonal zur Hand gehen. Bestehende Kontakte soll man nutzen, dachte ich mir. Doch je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto weniger sah ich mich dort. Ich wollte frei und unabhängig sein, etwas von der Welt sehen anstatt wieder nur zu arbeiten. Sehnte mich nach einem echten Abenteuer außerhalb meiner Komfortzone. Also kaufte ich mir kurzerhand einen Rucksack und buchte ohne groß nachzudenken einen Flug nach Bangkok, nur vier Wochen vor dem Beginn meines Sabbaticals. Für jemanden wie mich, für den alles ganz genau nach Plan laufen muss, absolut untypisch.

Kurz vor der Abreise war ich so mit der Vorbereitung der Übergabe und der Organisation der Reise beschäftigt, dass ich ganz verdrängte, dass ich bald zweieinhalb Monate alleine in Südostasien verbringen würde. Als mich meine Eltern am Flughafen verabschiedeten und ich mich auf den Weg ins Flugzeug machte, fühlte es sich an, als hätte jemand plötzlich die Stützräder an meinem Fahrrad abgeschraubt. Etwas wacklig und unsicher aber ziemlich aufregend. Bei meinem Zwischenstopp in Doha schaute ich das erste Mal in den Reiseführer und realisierte: Das mache ich gerade wirklich.

Backpacking für Anfänger

Nach fast 18 Stunden Anreise im heißen und hektischen Bangkok ausgespuckt, musste ich mich erstmal zurechtfinden. Ganz alleine in dieser riesigen asiatischen Metropole, der schwere Rucksack mit den wichtigsten Habseligkeiten noch ungewohnt auf meinen Schultern. Die erste Unterkunft hatte ich schon vorher gebucht, die erste Anlaufstelle war damit zum Glück geklärt. Der restliche Verlauf der Reise hingegen war noch vollkommen offen. Also schälte ich mich im schwülen Waschraum des Hostels aus meinen klebrigen Klamotten, wusch mir das Gesicht und zog mit einem mulmigen Gefühl im Bauch los. Direkt hinein ins Großstadtgetümmel. Die vielen neuen Eindrücke prasselten nur so auf mich ein, dass es mir fast die Sprache verschlug. Moderne Häuserschluchten durchzogen von prachtvollen Tempeln, das Leben auf der Straße pulsierend und chaotisch, stets begleitet von ohrenbetäubendem Lärm. Unzählige kleine Garküchen am schmutzigen Straßenrand, ungewohnte Gerüche in der stickigen Luft. Das hatte ich so noch nie erlebt.

Pretty Thailand: Obligatorisches Tempel-Watching in Pai

So überwältigend das auch alles war, fühlte ich mich anfangs doch etwas einsam. Du lernst super schnell neue Leute kennen, versprachen mir Freunde und Bekannte mit Backpacker-Erfahrung. Als ich gleich am zehnten Tag aus Unachtsamkeit meine Kreditkarte in einem Bankautomaten stecken ließ und aufgelöst meine Mutter in Deutschland anrief, merkte ich erst, wie lange ich – abgesehen von oberflächlichem Small Talk – keine richtige Unterhaltung mehr geführt hatte. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Bei einer geführten Tagestour durch den Doi Inthanon Nationalpark nahe Chiang Mai lernte ich dann die Französin Dorothèe kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb super und verabredeten uns für Pai, einen verträumten Hippie-Ort im Norden Thailands, der für uns beide das nächste Ziel sein sollte. Die darauffolgenden Tage verbrachten wir ununterbrochen gemeinsam und erkundeten auf klapprigen Rollern die wunderschöne Umgebung mit ihren tiefen Schluchten, heißen Quellen und kleinen Wasserfällen. Der Abschied fiel uns beiden schwer, doch zog es uns weiter zu neuen Abenteuern.

„Jeder ist hier auf der Suche“

Kleine Seesterne, große Freude: Mit Dine am Starfish Beach auf Phu Quoc

Mit dieser Begegnung schien ein unsichtbarer Knoten geplatzt zu sein. Im weiteren Verlauf der Reise lernte ich die unterschiedlichsten Menschen aus allen Teilen der Welt kennen, die alle eines verband: die Lust am Reisen. Wie Pierre, einem Koch und Thaiboxer, mit dem ich – eingepfercht in einem viel zu vollen „Sleeper Bus“ bei tiefgründigen Gesprächen und einem alten Die drei Fragezeichen-Hörspiel – die wohl schlimmste Überlandfahrt von Thailand nach Laos hinter mich brachte. Oder Micha, einem Ofenbauer und passionierten Motorrad-Fahrer, mit dem ich mich spontan auf einen 500 km langen Roller-Loop durch das größtenteils noch unberührte Zentrallaos aufmachte. Oder Lehramt-Studentin Lisa, mit der ich kurzfristig in einem kleinen, provisorischen Café in den Bergen Nordvietnams nahe der chinesischen Grenze übernachten musste, weil die Sonne bereits untergegangen war und wir es nicht mehr rechtzeitig zu unserer Unterkunft geschafft hatten.

Viele von ihnen waren wie ich auf der Suche. Nach einer neuen Aufgabe zu Beginn eines neuen Lebensabschnitts, Heilung nach dem Zerbrechen einer langjährigen Beziehung. Auf der Suche nach sich selbst. Doch was war es eigentlich genau, wonach ich suchte? Kurz bevor es von Bangkok aus wieder nach Hause gehen sollte, kam sie ganz unverhofft, die Erkenntnis. Als ich den Blick beiläufig über den klaren Nachthimmel schweifen ließ, konnte ich für den Bruchteil einer Sekunde eine Sternschnuppe erhaschen. Schnell, wünsch dir was. Dann stiegen mir plötzlich Tränen in die Augen. Es fiel mir nichts ein, was ich mir hätte wünschen sollen. Denn an diesem perfekten letzten Abend in Phu Quoc, nach elf unvergesslichen Wochen in Südostasien war ich tatsächlich wunschlos glücklich. Und dankbar. Für mein unglaublich tolles Leben, das ich in der letzten Zeit leider nicht so richtig zu genießen gewusst hatte. Es hatte lediglich etwas Abstand gebraucht, um das zu erkennen.

Irgendwas, das bleibt…

Palmen, soweit das Auge reicht: Unterwegs im Mekong Delta von Vietnam

Drei Monate, drei Länder und 18 Stopps später bin ich nicht nur stärker und selbstbewusster geworden, sondern habe auch vieles gelernt. Warum sein Glück woanders suchen, wenn man es zu Hause schon gefunden hat? Abenteuer zu erleben bedeutet nicht, dass man dafür unbedingt ans andere Ende der Welt fliegen muss. Sie beginnen direkt vor unserer Haustür. Man muss es nur zulassen. Die Pläne in den Wind schießen und es riskieren, sich auch mal zu verlaufen. Auch wenn es sich anfangs vielleicht so anfühlt, als würde man die Kontrolle verlieren. Denn hier beginnt es, das echte Leben.

Das zurück im Alltag zwischen all den To Dos und Deadlines auch zu leben und nicht wieder in alte Muster zu verfallen, fällt mir nicht immer leicht. Aber ich habe mir fest vorgenommen, achtsamer zu sein. Mehr auf mich und meine Bedürfnisse zu achten und mir ausreichend Zeit zu nehmen für die Dinge, die mir wichtig sind. Und den Moment zu genießen. Was neben all dem geblieben ist, sind Erinnerung, von denen ich noch lange zehren werde. Und neu gewonnene Freundschaften zu Weggefährten, die diese Reise so besonders gemacht haben.

Ich bin sicher, dass es vielen Menschen ähnlich geht wie mir. Und hoffe, sie mit meiner Geschichte inspirieren zu können. Dazu, in sich hineinzuhören und ehrlich mit sich selbst zu sein. Prioritäten zu überdenken und auch mal Stopp zu sagen, ohne sich dadurch gleich schwach vorzukommen. Etwas zu ändern, auch wenn der Alltagstrott zunächst übermächtig erscheinen mag. Wichtig ist vor allem, für seine Bedürfnisse einzustehen und sie offen auszusprechen. Denn das kann einem niemand abnehmen. Das Sabbatical war letztendlich bestimmt nicht die Lösung aller Probleme, dafür aber der erste Schritt in die richtige Richtung. Einen passenden Zeitpunkt gab es dafür nicht, der existiert grundsätzlich nicht. Warum also nicht jetzt?

 


Johanna Paschek arbeitet als Account Supervisor im Consumer Brands-Team bei FleishmanHillard in Frankfurt. Hier berät sie unterschiedliche Kunden aus dem FMCG-Bereich – beispielsweise den Konsumgüterhersteller Reckitt Benckiser, Lebensmitteleinzelhändler Rewe oder den Verband der kalifornischen Walnüsse – in Sachen Marken- und Produktkommunikation. Für diese und weitere Kunden entwickelt sie unter anderem Influencer Marketing-Kampagnen und verfügt dank ihrer langjährigen Erfahrung über ein weitreichendes Netzwerk in der deutschen Influencer-Szene.