Change Leadership als neues Thought Leadership – Erkenntnisse von der 19. Jahrestagung des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Als Angela Merkel Anfang Juni auf der 19. Jahrestagung des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE) in Berlin spricht, entrollen Aktivisten ein Transparent: „Klima-Notstand ausrufen! Jetzt!“. Routiniert nickt die Kanzlerin sie weg, „Auf Euch komme ich nachher zu sprechen“, und fährt in ihrer Rede fort. Ist Routine aber die richtige und vor allem verantwortungsvolle Antwort auf den steten Strom an Nachrichten, der uns aus der Feder australischer Forscher den Klima-Kollaps für das Jahr 2050 mit hoher Wahrscheinlichkeit prophezeit?

Aktivisten entrollen Plakat auf 19. Jahrestagung des Rates für Nachhaltige Entwicklung_Foto Daniel Silberhorn

Aktivisten entrollen Plakat auf der 19. Jahrestagung des Rates für Nachhaltige Entwicklung (Foto: Daniel Silberhorn)

Wir sollten „panisch sein“, hatte Greta Thunberg gefordert und eine weltweite Protest-Bewegung von Schülerinnen und Schülern in mehr als 1500 Städten in Gang gesetzt. Diese Bewegung ist an diesem Tag ebenfalls im Berliner Kongresscenter bcc vertreten. Jakob Blasel, Mit-Organisator von Fridays for Future in Deutschland, geht erwartungsgemäß hart mit den Anwesenden ins Gericht und fordert von Finanzminister Olaf Scholz die „grüne Null“ bis 2035: „Wir brauchen hier keine zweite Sahara!“ Die Bundesregierung solle deshalb „aufhören, oder endlich anfangen mit Klimaschutz“ – oder ein Jahr nachsitzen. „So läuft das auch bei uns in der Schule!“ Die Forderung an die Entscheider: Einhaltung der Ziele des Pariser Abkommens und des 1,5-Grad-Ziels. Kein anderer Redner erhält an diesem Tag so starken Applaus wie dieser Schüler.

„Das bisher Erreichte ist gut, aber viel zu wenig!“

Die großen Themen liegen an diesem Tag auf der Hand, sie decken sich mit der Agenda der breiten Öffentlichkeit: Plastik und Klimawandel. Und die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen sind weiter allgegenwärtig als Richtschnur für Politik und Wirtschaft.

Trotz der alarmierenden Meldungen, die vom Meteorologen Karsten Schwanke in seinem Impulsvortrag „Schon Klima oder noch Wetter?“ eindrucksvoll visualisiert werden, sieht der Veranstalter RNE keinen Grund für „zynischen Pessimismus“. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen begännen erst langsam zu wirken. Positiv sei, dass das Thema Nachhaltigkeit im Alltag der meisten Menschen angekommen sei. Dies sei „einer der vielen Schritte in Richtung Zukunft, in Richtung einer nachhaltigen Welt“, heißt es in einer Pressemitteilung.

„Wie machen wir die Zukunft zur politischen Heimat und stellen uns gegen die Allmacht des Status Quo?“, diese Frage stellt der Rat, der die Bundesregierung in der Umsetzung der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie berät, in den Mittelpunkt der 19. Jahrestagung. Die Konferenz will beleuchten, „wie wir dieses Ziel erreichen können“ – in Sachen Digitalisierung, Landwirtschaft, Mobilität, Plastik und Achtsamkeitspolitik. Weitere Themen der Veranstaltung sind Sustainable Finance und die globale Zusammenarbeit für Nachhaltigkeit.

Die RNE-Vorsitzende Marlehn Thieme fordert in ihrer Begrüßungsrede, die deutsche Nachhaltigkeitspolitik müsse endlich wirksamer werden und legt Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie vor. „Das bisher Erreichte ist gut, aber zu wenig!“ Immerhin: „Ich finde es gut, wenn sich die jungen Leute zu Wort melden“, kommentiert Merkel den starken Auftritt von Blasel. Aber reicht das?

Umso gespannter ist der Besucher der Konferenz, die jedes Jahr hunderte von Interessierten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenbringt, auf mögliche Lösungsansätze. Und auf Wege für Unternehmen, die einen echten Beitrag leisten wollen und angesichts des zunehmenden Druckes auch leisten müssen.

Agenda hinkt gesellschaftlicher Debatte hinterher

So klar die Themen und Ziele für Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik sind, so überraschend ist auf den ersten Blick, wie zahm die Debatte etwa im Plastik-Forum der Konferenz geführt wird: Das Recycling müsse standardisiert werden, damit das Plastik-Recyclat eine höhere Reinheit hat und sinnvoll wiederverwendet werden kann. Hingewiesen wird auf die zersplitterte Recyclingwirtschaft und auf die Verantwortung der Verbraucher. Von Plastik-Vermeidung ist kaum die Rede. Während die Position von Vertretern der Chemie-Branche vorhersehbar ausfällt, hätten einige Besucher von der NGO-Vertreterin klarere Forderungen erwartet. Und verstehen Blasels Pauschalkritik.

Der Eindruck: Diese Diskussion hinkt der gesellschaftlichen Erwartung um Jahre hinterher. Plastik erscheint aus der Sicht einer wachsenden Anzahl engagierter Bürger als der Diesel unter den Verpackungsmaterialien. Es hat seinen Stellenwert, aber ist auch problematisch. Und die Industrie schraubt filigran an Prozenten herum, während das Bewusstsein wächst, dass ganz neue Antriebe nötig wären. Diese Erwartungslücke wird den Unternehmen noch einiges an Kopfzerbrechen bereiten und nur über viel erklären, Dialog und ernstgemeinte Partizipation zu überbrücken sein.

Ähnliches im Finanzbereich. Alexander Schindler, bei Union Investment (UI) im Vorstand, erhält viel Beifall für sein Plädoyer, langfristig zu wirtschaften und dafür, dass sein Unternehmen 50 Milliarden Euro nach strengen nachhaltigen Kriterien investiere: „Für uns steht der langfristige gesellschaftliche Umbau im Vordergrund.“ Erfreulich, aber, fragt man sich im Zuschauerraum: Was ist mit den restlichen 273 Milliarden Euro, die UI verwaltet? Die Lücke scheint groß, die Zeit, sie zu schließen, dagegen limitiert.

Change Leadership als neues Thought Leadership

Andererseits tut man sicher gut daran, auch den Newcomern in der Nachhaltigkeitsdebatte offen zuzuhören. Bedauerlich, dass ein Vertreter eines Discounters merklich dünn mit Applaus bedacht und vom Moderator mit einem süffisanten Kommentar von der Bühne des Plenarsaals verabschiedet wird. Allerdings zeigt sich auch hier wieder einmal: Wer als Unternehmen eine neue Arena betritt, sollte sie sich vorher ganz genau ansehen, um auch wirklich den richtigen Ton zu treffen.

Zugleich wird deutlich, und das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Tages für die Wirtschaft: Unternehmen haben nun mehr denn je die Chance, sich positiv zu positionieren – als Change Agents, als Träger und Akteure des Wandels. Da unsere Gesellschaft immer stärker einen wirklichen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit verlangt, gilt in der Klima-Debatte: Handeln ist wie reden, nur besser. Im aktuellen Meinungsklima wird Change Leadership zum neuen Thought Leadership. Doch dazu braucht es Mut – und die Bereitschaft zu echtem Dialog und Handeln.

Sinnvoller Ausgangspunkt für Unternehmen ist, im Dialog mit zentralen Stakeholder-Gruppen die jeweils entscheidenden Ziele der UN-Agenda zu identifizieren und ausgehend vom aktuellen Status eine passende Strategie zu entwickeln, die sie dann intern und extern umsetzen. Digitale Medien bieten hier sinnvolle Chancen in einem Bereich, in dem es kein „One size fits all“ geben kann.

Klar wird in Berlin auch, dass Unternehmen gerade jetzt viele Möglichkeiten haben, etwas zu bewirken und sich gezielt in den Prozess einzubringen – etwa durch strategische Partnerschaften. Vieles ist im Fluss auf der politischen Bühne, die explizit um die Mitarbeit der Unternehmen wirbt.

Merkel: Nachhaltigkeit ein Schwerpunkt für 2020

Während Jakob Blasel neben der Bundesregierung die anwesenden Umweltverbände gleich mitkritisiert, proklamiert Merkel in ihrer Rede derweil unverdrossen: „Wir haben die Nachhaltigkeitsagenda 2030 zur Richtschnur unserer Politik erklärt“ und brauchen eine europäische Umsetzungsstrategie. Sie verspricht, dies werde ein Schwerpunkt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020. Besonders Unternehmen der Lebensmittelbranche und der Bekleidungsindustrie dürften noch mehr in den Fokus rücken. Und Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller droht mit Blick auf die Modeindustrie: „Wenn wir Nachhaltigkeit nicht freiwillig kriegen, brauchen wir eine gesetzliche Regelung.“

Angela Merkel auf der RNE

Rede von Angela Merkel auf der 19. Jahreskonferenz für Nachhaltige Entwicklung (Foto: Daniel Silberhorn)

Auf die Klima-Aktivisten kam die Kanzlerin am Ende ihrer Rede nicht mehr zu sprechen. Und vielleicht ist genau das ein Problem dieser Veranstaltung: Sie ist informativ und ein wertvolles Forum für die Transparenz der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Sie bleibt aber auch weitgehend Nabelschau und Schaulaufen des etablierten Nachhaltigkeitsbetriebes. Es gibt bereits heute einige klassische Unternehmen, die mehr leisten, als in manchem Forum als aktueller Stand diskutiert wird. Vertreter von Social Businesses, Social Entrepreneure, Social Impact oder B-Corps fehlen völlig.

Soll die Debatte mehr Wirkung entfalten, muss sie sich weiter öffnen. Sie braucht die Stimme und vor allem das handelnde Engagement von Unternehmen, die sich trauen, mutig voranzugehen.


Daniel Silberhorn, Managing Supervisor bei FleishmanHillard GermanyDaniel Silberhorn hat knapp 15 Jahre Erfahrung in der Beratung nationaler und internationaler Unternehmen. Bei FleishmanHillard ist der Senior-Berater im Corporate Communications-Team unter anderem für den Bereich Sustainability/Nachhaltigkeit zuständig. Außerdem ist er Dozent für Global Communications an der Universität Erfurt und Gastdozent an der Escola Superior de Comunicacao Social in Lissabon.