Fangen wir an, drüber zu reden – Künstliche Intelligenz braucht positive Narrative und europäische Rahmenbedingungen

Für die einen ist es noch weit entfernte Zukunftsmusik, für die anderen eine Bedrohung, welche die Autonomie des Menschen in Gefahr bringt. Zu sehr erinnern die Supercomputer an Szenen aus dem Science-Fiction-Genre. Zu tief sitzt die German Angst. Zu wenig differenziert und ausgeglichen ist die Debatte über den Umgang mit Technologien, die unsere Gesellschaft vor ähnlich große Veränderungen wie die Industrialisierung stellen werden. Zu sehr steckt der Diskurs in elitären Filterblasen fest, statt wirklich in der breiten Bevölkerung anzukommen. Die Konferenz „Morals & Machines“ hat Mitte Juni in Dresden das Ziel gehabt, sich der Antwort auf die Fragen zu nähern, wie die Zukunft der Menschheit aussehen wird und welche Regeln es im Umgang mit intelligenten Maschinen braucht. Auch wenn die Überlegungen längst noch nicht abgeschlossen und nicht alle Gedanken zu Ende gedacht sind: Wir müssen den Diskurs rund um Zukunftstechnologien wie die künstliche Intelligenz ausgewogen und mit positiven Narrativen führen. Bisher haben wir es versäumt, die breite Bevölkerung in die Debatte mit einbeziehen, die Chancen klar herauszustellen ohne die Risiken zu verkennen. Im Gespräch mit ada-Gründungsverlegerin Miriam Meckel sprach sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel für mehr Innovationsoffenheit und eine stärkere Regulierung aus.

Die Digitalisierung ist von exponentiellen Entwicklungen geprägt. Sie bringen uns nicht nur häufig an die Grenzen unserer Vorstellungskraft, sondern stellen uns bereits vor die nächste Herausforderung, während wir noch mit der Bewältigung der vorherigen beschäftigt sind. „Unser Denken ist linear – wir sind umgeben von linearen Prozessen“, so Pascal Finette, Vice President der Singularity University. So erklärt sich vielleicht auch, warum viele Menschen die künstliche Intelligenz für eine Zukunftsvision halten, während sie in unserem Alltag bereits angekommen ist: Der Modehändler Zalando setzt KI heute bereits ein, um Kleidungsstücke auf hochgeladenen Fotos zu erkennen und Kunden Produkte aus dem eigenen Sortiment vorzuschlagen. Amazon greift auf künstliche Intelligenz zurück, um sehr präzise Prognosen für die Nachfrage bestimmter Produkte treffen zu können. In der Landwirtschaft wird KI bereits in Form von Bilderkennungsprogrammen eingesetzt, um dem Schädlingsbefall frühzeitig durch gesonderte Behandlung entgegenzuwirken. In der Medizin trägt sie zur Verbesserung der Krebsdiagnostik und -therapie bei. Künstliche Intelligenz soll unser Leben vereinfachen und bereichern, ist dabei aber oftmals diskriminierend, voreingenommen und so gar nicht demokratisch.

Building bridges – can AI save humanity? Das wurde auf der Konferenz MORALS & MACHINES 2019 diskutiert (Foto: Christine Dingler)

Künstliche Intelligenz hält uns den Spiegel vor

Die durchaus berechtigte und wichtige Kritik an der künstlichen Intelligenz kann man vielerorts lesen. Sie ist auch schnell geschrieben – zu schnell, geht es nach Danah Boyd, Principal Researcher, Microsoft Research: „Wir tun so, als ob die Vorurteile von selbst in die KI-Systeme kommen. Dabei reflektieren sie unsere eigene Voreingenommenheit“, mahnte sie vergangene Woche auf der Konferenz „Morals & Machines“ in der Dresdener Frauenkirche. Fakt ist, eine KI diskriminiert nicht grundlos, häufig lernt sie und trifft Entscheidungen mit und auf Basis von historischen Daten, die wir als Gesellschaft irgendwann einmal produziert haben. Nicht die KI, sondern unsere Gesellschaft verdient den Vorwurf der Diskriminierung. Auch wenn wir es nicht gerne sehen: Die Künstliche Intelligenz hält uns den Spiegel vor. „Algorithmen helfen uns, zu erkennen, was bereits in unserer Gesellschaft verankert ist, so fest, dass es nicht mal mehr bemerkt wird, nicht hinterfragt wird, sondern akzeptiert. Die Algorithmen erkennen diese Muster und verstärken sie. So stark, dass erkannt wird, dass es eben nicht akzeptiert werden kann“, so treffend beschreibt es Julia Schymura in ihrem Beitrag bei politik-digital.de.

Wir können entscheiden: In welcher Welt wollen wir leben?

Es scheint, als hätten wir eine wichtige Frage weder gestellt noch beantwortet. „Wenn du eine neue Technologie erfindest, frag dich selbst: In was für einer Welt möchtest du leben? Und wie könnte diese Lösung, die du entwickelst, dazu beitragen, diese Welt aufzubauen“, so Françoise Baylis, kanadische Bioethikerin und Professorin an der Universität Dalhousie, im Rahmen von „Morals & Machines“. Nicht nur die Erfinder, sondern die Gesellschaft als Kollektiv ist gefragt: Wie wollen wir leben und arbeiten? Was macht uns glücklich? Wo beginnt bereichernde Unterstützung durch Maschinen und wo hört sie auf?

Unser Gehirn – die beste, verfügbare Intelligenz

Diese Antworten sind essentiell, geht es darum Roboter, künstliche Intelligenz und was uns an technologischem Fortschritt zukünftig noch erwartet im positiven Sinne für unsere Gesellschaft zu nutzen – es ist unbequem, sich mit diesen Fragestellungen zu beschäftigen, aber unerlässlich. Unbequem, weil mit ihnen auch eine Rückbesinnung und ein Hinterfragen der eigenen Stärken und Schwächen einher geht. Letztere glauben wir sehr genau zu kennen, mit ersteren müssen wir viel selbstbewusster umgehen. “Unser Gehirn ist die leistungsfähigste Maschine, die je erfunden wurde.”. Mit diesen Worten erinnerte Osh Agabi, Gründer und CEO von Koniku, die Teilnehmer von „Morals & Machines“ daran, worauf sie stolz sein können und dass sie den Vergleich mit intelligenten Maschinen und künstlicher Intelligenz keineswegs scheuen müssen. Es gibt (noch) keine Übermacht der Maschinen. Unser Bewusstsein, die Entscheidungsfreiheit und unsere Moral unterscheiden uns. Wir sind in der Lage, die Frage „Wer bin ich?“ zu beantworten. Die künstliche Intelligenz vermag das nicht zu leisten, wie Christian Mio Loclair dem Publikum von „Morals & Machines“ eindrucksvoll unter Beweis stellt. 

Die Konferenz „Morals & Machines“ versuchte sich der Antwort auf die Fragen zu nähern, wie die Zukunft der Menschheit aussehen wird und welche Regeln es im Umgang mit intelligenten Maschinen braucht. (Foto: Christine Dingler)

Was uns lähmt und was uns antreiben muss

Wir sind im Besitz der bislang leistungsfähigsten Maschine, verfügen über die Freiheit, unsere Zukunft und deren Rahmenbedingungen aktiv zu gestalten und bekommen – nicht nur durch künstliche Intelligenzen – täglich veranschaulicht, dass in unserer Gesellschaft Missstände herrschen, denen wir entgegenwirken müssen. Nicht nur der Klimawandel macht mehr als einmal deutlich, wie wichtig Innovationen sind, wenn wir nachhaltiger (weiter) leben wollen. Und doch ist sie real – die German Angst. So zuverlässig, präzise und pünktlich wir auch sein mögen, in Innovationsfragen verharren wir in Deutschland in einer Schockstarre, lassen China und die USA weiter voranpreschen und das Ergebnis über uns ergehen. „Ich sehe das als eine etwas bedrohliche Sache an, wenn viele sagen, Technologie kann uns nicht helfen“, mahnt Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Miriam Meckel in Dresden. Die Kanzlerin plädiert im Rahmen des Events in der Frauenkirche für ein europäisches, rechtliches Regelwerk für die Digitalisierung, ohne dabei zu stark zu regulieren und die Innovationen im Keim zu ersticken: „Wir sind schneller darin, Leitplanken für die Nutzung von Daten zu bauen, statt mit den Daten zu arbeiten“, so Merkel. Eine größere Offenheit gegenüber Innovationen und das Vertrauen in die eigenen Stärken waren zwei entscheidende Botschaften, die Angela Merkel den Teilnehmern in Dresden mit auf den Weg gegeben hat: „Deutschland ist ein Land, das immer wieder gezeigt hat, dass man mit neuen technologischen Entwicklungen lernen kann umzugehen.“ Bei den meisten dürfte sie damit auf offene Türen gestoßen sein.

Neue, positive Narrative braucht das Land

Diesen Optimismus sollten wir beibehalten, wenn es darum geht, die gravierendsten Veränderungen der Gesellschaft seit der industriellen Revolution zu bestreiten. Apropos mitnehmen: In dem Diskurs um das Zusammenleben von Mensch und Maschine haben wir bisher nur einen Bruchteil der deutschen Bevölkerung einbezogen und große Teile der Gesellschaft außen vorgelassen. Wie bereits erwähnt, findet der Diskurs über die Chancen und vermeintlichen Risiken von Zukunftstechnologien beinah ausschließlich in elitären Filterblasen statt. Zeitgleich treten Jugendliche ihre Ausbildung zum Sachbearbeiter an, ohne nur im Entferntesten zu ahnen, dass diese Arbeiten prädestiniert sind, zukünftig von Maschinen erledigt zu werden.

Es fehlen positive Narrative, die herunter gebrochen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen verständlich erklären, worin konkret die Vorteile der Technologien wie z. B. der künstlichen Intelligenz liegen, welcher Risiken wir uns bewusst sein sollten und wie sie unser Leben im positiven Sinne verändern. Beispiele gibt es genug, statt bescheiden zu schweigen, sollten wir stolz darüber berichten.

Wir fangen jetzt damit an.

 

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Christine DinglerChristine Dingler arbeitet als Account Supervisor im Creative, Strategy und Innovation Team von FleishmanHillard in Frankfurt. Christine verfügt über knapp zehn Jahre Erfahrung im Bereich Corporate sowie PR und digitaler Kommunikation – mit einem starken Fokus auf Tech, IT und Telekommunikation.