Die Tücken der Corona-Impfkampagne

ImpfkampagneAls Arzt in der Gesundheitskommunikation und aus unmittelbarer Erfahrung mit Patient/-innen bin ich an die Kommunikation mit schwierigen Personen und an die ungewöhnlichsten Fragen gewöhnt. Gerade deshalb habe ich mich entschieden, neben meiner Agenturtätigkeit die Impfkampagne zu unterstützen und als Impfarzt tätig zu werden. Am 26. September 2021 schloss nun das Impfzentrum. Darum ist es an der Zeit, ein paar Gedanken zu meinen Erfahrungen zu teilen.

Autor Dr. Ralf Stölting

Sitzt man eins zu eins mit Patient/-innen gegenüber, kann man der Kommunikation nicht ausweichen – und muss daher immer gut auf alles vorbereitet sein. Wenn aber immer die gleichen Fragen bei unterschiedlichsten Impfkandidat/-innen und Kolleg/-innen gestellt werden, ist offenbar irgendwo der Wurm drin. Jeden Tag wird in nahezu allen deutschen Medien von Digitalisierung gesprochen. Die Aufklärung im Rahmen der Impfkampagne hätte hier eine gute Blaupause für die Möglichkeiten der Digitalisierung sein können.

Aufklärung darf nie nur den formalen Aspekten genügen

Am Anfang des Jahres ging noch eine Begeisterung über die Corona-Impfungen durch das Land: Alle wollten sich aufgrund der hohen Inzidenzzahlen und der Horrormeldungen aus den Nachbarländern schnell impfen lassen, die Impftermine waren knapp und daher heiß begehrt. Heute aber hat sich das Blatt grundlegend gewendet.

Dazu hat leider auch die hohe mediale Aufmerksamkeit des Themas beigetragen, in der jede neue Entwicklung, jede neuentdeckte Nebenwirkung tagelang von allen Seiten beleuchtet wurde – und die Berichterstattung in vielen Fällen die Sachebene verlassen hatte.

Der starke Einfluss der Medien auf die Meinungsbildung war in vielen Patient/-innengesprächen zu spüren. Hier äußerten viele der Impfwilligen diffuse Ängste etwa vor sehr seltenen Nebenwirkungen, die zuvor wochenlang durch die Medien gegeistert waren.

Die sachliche Aufklärung und das Entkräften der geschürten Ängste hat sehr viel Zeit gekostet. Hier hätte ich mir die Unterstützung durch Aufklärungsmaterialien gewünscht, die alle Menschen in Deutschland erreichen. „Insgesamt 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland haben Schwierigkeiten, deutsche Texte zu verstehen. Für die meisten von ihnen ist Deutsch die Muttersprache“, hat ZEIT ONLINE bereits 2019 konstatiert. Hinzu kommen die vielen Menschen in Deutschland, die aufgrund ihres Migrationshintergrundes kein Deutsch sprechen und zum Teil in eigenen Kulturkreisen leben.

Jugendliche nutzen oft nicht mehr die klassischen Medien, sind aber hervorragend über digitale Kanäle zu erreichen. Hier hätte man ansetzen können – denn alle diese Zielgruppen wurden nach meiner Erfahrung von Fake News, aber in überwiegenden Teilen nicht von den echten News erreicht.

Wie hätten die Impfstoffhersteller die Impfkampagne unterstützen können?

Aus meiner Wahrnehmung hätten auch und vor allem die Impfstoffhersteller eine Chance gehabt, das Impfgeschehen in Deutschland positiv zu beeinflussen. Kaum ein Industriezweig im Gesundheitsbereich hat mehr Kompetenz in der Gesundheitskommunikation und liefert qualitativ so hochwertige Informationen für Laien wie die Pharmaindustrie. Folgende Materialien und Maßnahmen zur Erleichterung der Aufklärung bei meiner Impftätigkeit hätte ich mir gewünscht:

  1. Laiengerechte grafische Darstellung der Wirkweise unterschiedlicher Impfstoffe im Körper in digitaler Form mit der Möglichkeit, Erklärungen in verschiedenen Sprachen zu wählen (Für Mobiltelefon, Tablet und PC).
  2. Detaillierte und laiengerechte Aufbereitung des Impfstoffzulassungs-Prozesses für verschiedene Medien, die digital abrufbar ist.
  3. Laiengerechtes Aufklärungsmaterial in grafischer Form, um schwierige Sachverhalte einfach erklären zu können.
  4. Verständliche Zusammenfassungen aktueller Studien und deren Einordnung durch zielgruppenrelevante Vertrauenspersonen – ebenfalls digital abrufbar.
  5. Filme für den Wartebereich der Impfzentren, die aufklären und den Prozessablauf bei der Impfung zeigen (einschließlich der Möglichkeit, den Ton über das eigene Mobiltelefon per Link für sich individuell in der gewünschten Sprache zu wählen).
  6. Allgemeinverständliche Broschüren in verschiedenen Sprachen, die zusätzlich zu den formalen Aufklärungsbögen an die Impfwilligen abgegeben werden, um ihnen das Verstehen zu erleichtern.

Es ist klar, dass alle Impfstoffhersteller zunächst die ausreichende Bereitstellung von Impfstoff priorisiert haben. Aber die Impfkampagne in Deutschland ist noch nicht vorbei. Daher wäre es eine gute Idee, mit den aufgeführten Materialien jetzt ein authentisches Gegengewicht zu den vielen schlechten Informationen zu bilden – und die Impfkampagne neu zu beflügeln.

 

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