Zwischen Likebutton und Parteibuch – wie Digital Natives für den Umbruch der politischen Partizipation sorgen

junge Leute

Seit Jahren diskutiert die Politik über ein generelles Desinteresse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen an politischen Prozessen. Gleichzeitig ermöglicht der gesellschaftliche Wandel durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche neue und digitale Partizipationsformen, die vor allem den Bedürfnissen der Digital Natives gerecht zu werden scheinen. Die Herausforderung für politische Akteur/-innen, den Umbruch zu E-Government, E-Participation und E-Democracy anzunehmen und umzusetzen, ist sowohl komplex als auch chancenreich.

Autorin Liya Pyatova

Digitalisierung durchbricht die regionalen Grenzen für Partizipation

Im 21. Jahrhundert begann die globale Vernetzung der Menschen durch die sozialen Medien – vorausgesetzt, sie hatten Zugang zum Internet. Die digitale Demokratie ermöglicht es seither Menschen auf der ganzen Welt, an verschiedenen politischen Aktionen teilzunehmen und so die Meinungsvielfalt darzustellen. Durch das Internet und die damit einhergehende globale Vernetzung der Menschen ist Partizipation nicht mehr regional beschränkt, sondern findet ortsungebunden statt.

Dabei wirken sich die sozialen Netzwerke heute wesentlich auf die globale politische Partizipation aus. Mediale Aufrufe zu Demonstrationen – wie etwa #afghanlivesmatter, der durch den Rückzug der NATO-Truppen und der anschließenden Übernahme der Taliban auf die schockierenden Zustände in Afghanistan aufmerksam macht – führten zu weltweiten Kundgebungen. Auch hier in Deutschland sind Menschen für afghanische Minderheiten wie Frauen und Befürworter/-innen von Menschenrechten auf die Straße gegangen.

Die #FridaysForFuture-Demonstrationen, die von der damals fünfzehnjährigen Greta Thunberg initiiert, durch Social Media verbreitet und von Jugendlichen auf der ganzen Welt mitgestaltet wurden, zeigen, dass hier vor allem junge Social Media-Nutzer/-innen aktiv sind, die oft eher als politikscheu gelten. Sie organisieren Demonstrationen auf den sozialen Netzwerken, erstellen politische Beiträge, teilen sie und machen so auf Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam.

„We have reached a point, where having a social media presence (..) is a necessary means to be an effective political communicator” (Farrar-Myers/ Vaughn 2015, S. 2)

Langsam erkennen auch politische Akteur/-innen die Wirksamkeit der Partizipation auf den sozialen Medien. So besitzen viele von ihnen – wie auch ein Großteil der Parteien der Bundesrepublik Deutschland – einen eigenen Social Media Account, der je nach genutzter Plattform, Aktivität und Position des Politikers eine Vielzahl verschiedener Nutzer/-innen anspricht. Solche Plattformen ermöglichen einen direkteren kommunikativen Austausch zwischen der Bevölkerung und ihren Repräsentanten. Das verleiht ihnen das Potenzial, die Teilhabe der (jugendlichen) Bürger/-innen an demokratischen Prozessen zu steigern und diese so zu legitimieren.

Paradebeispiel: BTW 2021

Im Zuge der Bundestagswahl 2021 wurde erneut deutlich: Der Wahlkampf findet immer stärker auf Social Media statt. Und das ist gut so. Die digitalisierungsbedingte Neuorientierung, die auch neue Dialogkanäle für die Kommunikation zwischen Politiker/-innen und Wähler/-innen schafft, animiert zum einen die Erstwähler/-innen zur politischen Partizipation. Diese Generation der Digital Natives hat den Umgang mit den digitalen Medien schon von Beginn an erfahren und kennt somit die Transition von der analogen zur digitalen Welt gar nicht mehr aus eigener Erinnerung. Zum anderen wirkt sich die Neuorientierung aber auch auf die Art und Weise aus, wie Politiker/-innen und Parteien die Kanäle nutzen.

Der FleishmanHillard Election Observer zeigt am Beispiel von Partei- und Fanaktivität auf Instagram, dass die SPD, gefolgt von der FDP, der Linken und den Grünen, am meisten eigene Aktivität auf der Plattform verzeichnet hat. Er zeigt auch, dass ihre jeweiligen Fans hier am häufigsten kommentiert und geliked haben.

Legt man diese Erkenntnisse über das Ergebnis der Bundestagswahl, so ist eine Kohärenz erkennbar. Mit Ausnahme der Linken haben jene Parteien mit einer guten Instagram-Präsenz verhältnismäßig mehr Stimmen erhalten als jene, die weniger aktiv auf der Plattform waren.

Die Wahlergebnisse der Digital Natives werden auch mit Blick auf die Instagram-Aktivitäten bestätigt. Am häufigsten wählen sie die Grünen, FDP und SPD. CDU, CSU und AfD sind für sie am wenigsten attraktiv.

Chancen bergen auch Risiken

Richtig eingesetzt, können soziale Netzwerke große Erfolgsaussichten bieten. Die Anonymität und die erschwerte Qualitätssicherung auf Social Media können jedoch auch eine Gefahr bergen – und die mangelnde Transparenz und Nachvollziehbarkeit digitaler Politikprozesse kann sich als Herausforderung demokratischer Werte erweisen. Besonders Verbreiter/-innen von Fake News, Verschwörungstheoretiker/-innen und auch politisch rechtsstehende Bürger/-innen haben auf den sozialen Plattformen eine große Bandbreite an Möglichkeiten, um ihre Überzeugungen unauffällig unter die Bevölkerung zu bringen. Für die Umsetzung einer digitalen Strategie eines/-r politischen Akteuer/-in heißt das konkret, dass bei dem Einsatz von sozialen Medien, egal ob für eine politische Kampagne oder unterstützend für das Tätigkeitsfeld, Vorsicht geboten ist und ein regelmäßiges Monitoring der Kanäle erfolgen sollte.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Die Digitalisierung hat in fast allen Lebensbereichen Einzug gehalten und verdrängt zusehends analoge Medien. Dabei haben die Digital Natives, die mit den Partizipationsmöglichkeiten im Internet aufgewachsen sind, die Möglichkeit, diese neue Kultur auch in die ältere Bevölkerung zu tragen. Daher sollten sie in der aktuellen Entwicklung eine bedeutende Rolle einnehmen und die Demokratie deutlich aktiver mitgestalten können.

Mithilfe eines Dialogs zwischen ihnen und den Politiker/-innen kann das professionelle Tätigkeitsfeld der Politik, aber auch die politische Partizipation der Bürger/-innen, zeitgerecht, digitalisiert und optimiert werden. Damit würden auch jüngere Generationen mehr Interesse und Verantwortung an der Politik zeigen und übernehmen. Dies kann beispielsweise erfolgen, wenn Parteien die Dynamiken sozialer Netzwerke als Möglichkeiten für das Anwerben von Digital Natives in Betracht ziehen. Auch könnte das Wahlalter auf 16 gesenkt werden. Eine solcherart optimierte Wählerstruktur würde verhindern, dass die älteren Generationen bevorzugt wird. Geschickt eingesetzt können Social Media Plattformen gezielt für die politische Partizipation der bislang unterrepräsentierten Digital Natives genutzt werden, um sie noch stärker in den gesellschaftlichen Prozess einzubinden.

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