Global Solutions Summit, Tag zwei: Klartext und Kooperationswille

Am zweiten Tag des Global Solutions Summit standen zunächst zwei Staatsoberhäupter im Mittelpunkt: Kanzlerin Angela Merkel und Mario Draghi, Ministerpräsident Italiens, dem Gastgeberland des kommenden G20-Gipfels, und ehemaliger EZB-Chef.

Autor Dr. Thies Clausen

In ihrem Statement stellte Merkel gleich zu Beginn fest, dass eben nicht jeder „seines Glückes Schmied“ sein und folglich auch kein Land die Probleme allein bewältigen könne. Multilateralismus, so Merkel, sei jedoch kein Selbstläufer und die G20-Staaten müssten ihre Möglichkeiten nutzen, länderübergreifende Initiativen zu unterstützen. Konkret forderte die Kanzlerin, allen, vor allem den ärmeren Ländern, einen Zugang zu medizinischer Versorgung und Impfstoffen zu ermöglichen. Im Hinblick auf die Klimafrage betonte Merkel die Bedeutung eines globalen CO2-Preises – beklagte aber auch Rückschläge bei der internationalen Zusammenarbeit, die jetzt hoffentlich wieder aufgeholt würden.

Mario Draghi sah ebenfalls eine Renaissance der globalen Kooperation, die sich – über die Pandemiebekämpfung hinaus – auf die maßgeblichen Probleme auswirken werde. „Die Welt braucht die Welt und nicht eine Sammlung individueller Staaten“, brachte es Draghi auf den Punkt. Gerade wenn ärmere Länder bei der Seuchenbekämpfung zurückgelassen würden, erhöhe das die Gefahr neuer Virusmutationen, die sich ihrerseits auch auf die reichen Länder auswirken werde.

Sowohl bei der Klima- als auch bei der Wirtschafts- und Bildungspolitik „müssen wir mehr tun“, so Draghi wörtlich.

Appelle von UN, WHO, EU und OEDC

Weitere Sprecher des zweiten Summit-Tages waren unter anderem UN-Generalsekretär António Guterres, der sich explizit gegen das Horten von Impfstoff in den Industrieländern und eine ungerechte Verteilung aussprach. Von einer bedarfsgerechten Verteilung, so der Generalsekretär, sei man noch weit entfernt. WHO-Generaldirektor General Tedros Adhanom Ghebreyesus unterstrich, dass Gesundheit nicht der Luxus weiniger sein dürfe – ein Thema, das auch in den Paneldiskussionen immer wieder aufgegriffen wurde.

Nobelpreisträger Michael Kremer forderte klare Maßnahmen gegen das Impfstoffhorten, moralische Appelle allein reichten nicht aus.

In der folgenden Diskussion standen die Perspektiven einer post-pandemischen Kopplung von Wirtschaftswachstum mit sozialer Sicherheit und einer adäquaten Umweltpolitik im Fokus. Angel Gurria, Generalsekretär der OECD, rief zur Gestaltung eines „Genesungsprozesses“ auf, der weit über die Wiederherstellung des Vorkrisen-Zustands hinausgeht und aktiv die strukturellen Herausforderungen der Weltwirtschaft angeht. In diesem Zusammenhang verwies er auf ein „Dashboard of Indicators“, das die OECD derzeit entwickle. Dieses betrachte und bewerte die Erholung in vier Kategorien: Stärke, Widerstandskraft, Inklusion und Nachhaltigkeit.

Für die EU versprach Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni eine verschärfte Bemühung der Union zum Erreichen der zentralen Ziele: die Gestaltung der digitalen und der grünen Transformation. Dieser Paradigma Shift solle sich auch in künftigen Geschäfts- und Rechenschaftsberichten wiederfinden, so Finanzkommissarin Meiread McGuinness.

Einen besonderen Aspekt brachte der taiwanesische Digitalminister Audrey Tang ins Spiel: Die Technik solle „mit den Menschen arbeiten, nicht nur für sie“. Tang verwies in diesem Zusammenhang auf das taiwanesische „Human-centric“-Modell und die Betonung auf „kollektive Intelligenz“.

Besonderes Interesse – jedenfalls lassen die entsprechenden Tweets darauf schließen – fand die Diskussion von Martin Schulz und António Guterres über die Fairness bei der weltweiten Impfstoff-Verteilung.

Lebhafte Diskussionen in den Panels

Engagiert diskutiert wurde auch und vor allem in den einzelnen Online-Diskussionspanels unter der Leitung Stefanie Söhnchens, Dr. Sebastian Schwarks und Nadine Dusbergers von FleishmanHillard.

Die Diskussionsrunde von Nadine Dusberger unter Beteiligung von Rifat Atun, Harvard University, Indranil Bagchi von Novartis, Alan Donelly (G20 Health & Development Partnership) sowie Francesca Colombo, Head of Health Division OECD, stellte das Thema „Wealth & Health“ in den Fokus. Atun beklagte, dass der Faktor Gesundheit lange nicht ausreichend berücksichtigt worden sei und sprach in diesem Zusammenhang von „missed Opportunities“. Auch die anderen stellten fest, dass noch viel zu tun sei – vor allem, da die Pandemie die Menschen je nach sozialer Lage sehr unterschiedlich betreffe. Zwar gebe es mittlerweile Initiativen in Afrika, so Francesca Colombo, aber immer noch liefen viele Erkrankte Gefahr, unter die Räder zu kommen. „Lessons not learned“, fasste Alan Donelly zusammen – es gäbe zweifelsohne noch viel zu tun.

Das Panel von Sebastian Schwark mit dem Thema „Reducing Inequalities and Vulnerabilities in a Post-Pandemic World“ setzte sich aus Steven Durlauf von der Uni Chicago, Irene Natividad, President GlobalWomen Reseach & Education Institute, Brian Nolan, INET Oxford, sowie Michelle Muschett von der Oxford Poverty & Human Development Initiative zusammen. Hier ging es hauptsächlich um das Thema Frauen und ihre strukturelle Benachteiligung – die im Zuge der Pandemie besonders sichtbar wurde. Dafür, so die Teilnehmer, seien oft die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen sowie die Politik der Länder verantwortlich. In den USA, so Steven Durlauf, bestimmten Rasse und Klasse nur zu oft über die Chancen, besser oder schlechter durch die Pandemie zu kommen. Einig waren sich alle in der Forderung, die Politik müsse vor allem die (digitale) Infrastruktur verbessern und allen zugänglich machen. Auch Steuern könnten eine bestimmte Lenkungswirkung haben.

Stefanie Söhnchen schließlich leitete und moderierte eine Runde, die sich ebenfalls mit den Wechselwirkungen von digitaler Transformation und weltweiter sozialer Ungleichheit beschäftigte. Teilnehmer waren hier Maria Chiara Carrozza vom BioRobotics Institue of Scuola Superiore in Sant’Anna, Sabina Dewan von JustJobs Network, Harald Kayser, Chairman von PwC Europe, sowie Seyed Munir Khasru vom Institute for Policy Advocacy and Governance. Zwei Megatrends stellte Kayser fest: eine weltweit wachsende generelle Ungleichheit auf allen Ebenen sowie eine mangelnde Teilhabe an technologischen Durchbrüchen mit ihren Auswirkungen auf die jeweilige Infrastruktur. Beide Trends bedingten und verstärkten sich gegenseitig. Das führe zu einem zunehmenden Zerfall sozialer Stabilität. Maria Carrozza sah hier vor allem die Wissenschaft in der Pflicht: Sie sei dafür verantwortlich, die Menschen „fit“ für das digitale Zeitalter zu machen – vor allem Frauen, die weltweit weniger Zugang zu digitalen Ressourcen haben als Männer. Die Forderung, die Wissenschaft müsse neue Tools entwickeln und damit auch den Gender Gap schließen, verknüpfte sie dann mit der Bedingung, auch den Energieverbrauchs- und damit den Umweltaspekt digitaler Lösungen zu berücksichtigen.

Als Fazit aller Diskussionen, die von den Beteiligten mit sichtlichem Engagement geführt wurden, ist vor allem eines abzuleiten: Wie bislang kann es nicht weitergehen, die Welt braucht einen Turnaround. Und: Soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit sind nicht voneinander zu trennen, jede Komponente ist entscheidend für das Große Ganze.

Mit diesen Erkenntnissen konnte der Global Solutions Summit 2021 ein beträchtliches Aufgabenpaket schnüren, das die Erwartungen an die Teilnehmer des G20-Gipfels ein gutes Stück erhöht.

Dass FleishmanHillard hier federführend beteiligt war und zum kollektiven Erkenntnisgewinn beitragen konnte, ist Ehre und Verpflichtung zugleich. Der Summit war für alle Teilnehmer ein beeindruckendes Erlebnis – und er hat gezeigt, was erreichbar ist, wenn die Entschlossenheit so groß ist wie der Kooperationswille.